spaceframe 2007

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service: Studie zur Diplomarbeit
status: burned
size: 160x120x50cm
beschreibung: Modell einer durchschnittlichen Wohnung als „Negativabdruck“ des freien Raumes, M1:5
fotos: andree weissert

Konditionierte Räume (Textauszug)
Etwa zeitgleich mit der städtebaulichen, funktionalen Zergliederung der Stadt in Zonen der Arbeit, der Erholung, des Konsums, des Wohnens und der Freizeit geht auch eine Ausdifferenzierung der Wohnfunktionen einher. Wo sich früher alle häuslichen Tätigkeiten in einem konzentrierten Raum um die Wärmequelle geschart haben, ein Stall oder eine Werkstatt auch ein Schlafplatz sein durften, bildeten sich Raumgefüge, die bemessen an ihrer Möblierbarkeit schon aus der Planung heraus einem bestimmten Gehalt, einer geplanten Nutzung unterlagen. Ihre Benennung mit wohnen, schlafen, kochen, essen, lagern oder Stube, Wohnzimmer, Diele, Salon, Arbeitszimmer, Speicher waren zwar durchaus geläufige Begriffe, jedoch waren diese bis dahin Bereichen zugeordnet. Jetzt wurden aus ihnen wissenschaftlich auf ihre Größe, Funktionalität und Zweckmäßigkeit analysierte abgeschlossene Volumen, die es zu einer sinnvollen Auswahl und Abfolge zu arrangieren galt. Interessant ist hierbei, dass dem Wohnen an sich ein eigener Raum gegeben wird, als hätten gewisse Teile des häuslichen Lebens, wie das Essen, Kochen oder Schlafen nichts mehr mit dem Wohnen zu tun. Allemal lassen die den Funktionsräumen zugeordneten Begriffe nur selten Rückschlüsse auf ihre herkömmliche Erscheinungsform zu.
Über die Tatsache, wie schnell Dinge als selbstverständlich und „gewohnt“ gelten, möchte ich an anderer Stelle noch ausführlicher berichten. Selbstverständlich ist diese Entwicklung für die Individualisierung und Privatisierung der Persönlichkeit ein enormer Schub gewesen und niemanden ist es zu verübeln, dass er sich den Komfort des Rückzugs und der Rücksichtslosigkeit hinter schalldichten Wänden und abschließbaren Türen ermöglicht hat. So wichtig wie die städteplanerische Ausdifferenzierung der Stadt für die ökonomische und qualitative Optimierung ihrer Teilaspekte war, so wichtig war sie im Wohnen für die Installation von speziell und industriell entwickelten Produkten zur Identifizierung von Raumnutzungsideen.
So ist demjenigen, der diese Dinge nicht weiter hinterfragt, aus der Kontinuität seiner Erfahrung und den vorgedachten Mustern kaum die Möglichkeit gegeben, diese Raumordnung zu verlassen. Es erübrigt sich im Allgemeinen, sich darüber Gedanken zu machen, was für ein räumliches Angebot mir eine Wohnung bieten soll. Die Räume die sich uns als Wohnraum, als freie Mietwohnung, käufliches Haus oder reproduzierte Entwürfe zur Verfügung stellen, bedienen zwar alle Funktionen, aber sie lassen keinen Platz für Raum.
So stelle ich mir die Frage: Wer konditioniert wen? Sind wir es, die sich ein Raumangebot zu Nutze machen oder ist es der Raum, der uns seine Regeln aufzwingt, Dient uns der Raum oder wir ihm? So kann man (und ich bin zutiefst betrübt darüber, dass ich ihn nicht erfunden habe) den Werbeslogan
                              > wohnst du noch oder lebst du schon <
als provokantes Statement verstehen, als Anregung zwischen der gewohnten Praxis und den erlebbaren Optionen zu differenzieren. Letztendlich verbirgt sich dahinter aber die Aufforderung, sich ständig anhand neuer Variationen neu zu definieren: Es geht um den Verkauf von Wohnlösungen. Obwohl die weltweit und mitunter lokalkulturell ausdifferenzierten Produkte konzeptionell ein erstaunlich frisches Denken vermitteln, stellen sie keineswegs Alternativen dar, sondern verlocken in ihrer Billigkeit zum unreflektierten Kauf. Noch bevor ein Wunsch oder die Notwendigkeit ein Handeln in Betracht ziehen kann, ist das Objekt schon in meinen Verfügungsraum gekommen und beansprucht meine Zuwendung, Anteilnahme und meinen knapp bemessenen Platz.
Selbst die Art und Weise der gemeinschaftlichen oder separaten Nutzung von unterschiedlichen Funktionsvolumen ist vordefiniert und für den Fall einer öffentlichen Förderung (siehe WK) muss diese theoretisch nachweisbar sein. Die hierfür maßgebenden Kriterien gehen trotz einer mittlerweile viel deutlicheren Ausdifferenzierung der Haushaltsformen immer noch von dem „modernen“ Bild der Kleinfamilie mit immer kleinen Kindern aus, die jegliche Arbeit ausgelagert hat und deren Alltag ein standardisierter ist.
Die Tatsache, dass unsere unglaubliche Habgier, der unablässig angestiftete  Wunsch nach Haben, auf Grundrisse stößt, die von einem nur sehr kurzweilig dominanten Gesellschaftsentwurf entwickelt wurden, erzeugt unweigerlich eine Zunahme von Einpersonenhaushalten. Das sind Wohneinheiten, die in der Regel überproportional viel Raum in Anspruch nehmen und aufgrund ihrer konservativen Strukturierung und dem Überangebot an Wand- und Stellflächen nur danach schreien, von uns überformt zu werden. So wächst die Zahl der Wohneinheiten trotz einer relativ  konstanten Bevölkerungszahl und somit die Anzahl von kaum und nur kurzzeitig frequentierten, aber funktionsschwangeren Räumen. Man könnte sich schon mal fragen, was all diese Räume machen, wenn sie so still und staubend zwar sinnvoll, aber menschenleer sind.
Raumgeometrien ordnen sich nach wie vor tradierter und technisch überholter Bauvorstellungen und der Möblierbarkeit mit DIN-genormten Einrichtungs-gegenständen unter. Raumproportionen haben eine wirtschaftlich sinnvolle Höhe als quasi feste Konstante zu integrieren. Türen dienen nur selten dem Öffnen, aber immer dem Verschließen. Sie dienen nicht der Verbindung von Räumen sondern ihrer Trennung und sind für den reibungslosen Durchgang von einzelnen Personen ausgelegt. Technische Installationen werden ein für alle Mal dermaßen mit der Bausubstanz verbunden, dass ihre Wandaustritte räumliche Gefüge zementieren.